Meine unpolitische Sicht auf China

September 24, 2008 - Nanning, China

Aus meinem Archiv: Vom Block in den Blog für Chinainteressierte.

Im Zug Richtung Vietnam, über 20 Tage China liegen hinter uns. Eigentlich waren weniger geplant, doch befindet man sich erstmal im Reich der Mitte wird einem bewusst wie unglaublich groß dieses Land ist und wie viel es zu entdecken gibt. Während die chinesische Landschaft an uns vorbeizieht sammle ich die letzten Eindrücke aus einem Land, zwischen Armut und rasantem wirtschaftlichen Aufbruch.

Hong Kong stellt sicherlich der optimalste Ort für den Reisebeginn dar. Nachdem Simon eine Woche lang das Suppenchopstick-essen, das Feilschen, das Zurechtkommen zwischen schwarzhaarigen Menschenmassen und ein wenig über asiatische Kultur lernte, hatte er genug Vertrauen in diese Welt um das westlichere Hong Kong mit der Bahn zu verlassen und ihn nach China, in den Ort Shenzhen, zu führen. 
Shenzhen ist die an Hong Kong direkt angrenzende Nachbarstadt, mit 12 Millionen offiziellen Einwohnern (inoffiziell 20 Millionen) doppelt bis 3 mal so groß wie Hong Kong und einer der unzähligen, uns unbekannten Millionenstädte Chinas. Und dabei soviel ruhiger als Hong Kong. Doch etwas anderes zeichnet Shenzhen für mich aus: Hier habe ich das Schlaraffenland Chinas gefunden: Das Queen Spa. Es ist ein so wundervoller Ort, dass ich nicht darum komm Euch davon zu erzählen:

Nachdem man diese Einrichtung betritt erhält man ein nummeriertes Armband und wird in die Umkleidekabinen gebracht. Hier zieht man die Alltagsklamotten aus, lässt die Unterwäsche waschen und nimmt erstmal eine warme Dusche. Die Damen zum Rücken schruppen stehen genauso bereit, wie die Damen mit frischem Handtuch, Pyjama, Einmalhöschen und Badeschlappen. Noch kurz mit den kostenlosen Pflegeprodukten frisch gemacht und gemütlich, im rosa Pyjama und Pantoffeln schlürfend wird man zum Lift geführt und ein Stock höher heißt es: Willkommen zur größten Pyjamaparty der Welt.
Ein in gedämpftes Licht getauchter Ruhesaal mit hunderten von kuschligen verstellbaren Liegesesseln, jeder einzelne mit Fernseher, Tischen und Schublade ausgerüstet. Platz genommen, Decke von jemanden über dich legen lassen, Fernbedienung in die Linke und den gebrachten Tee in die Rechte. Dekadent? Abwarten. Gelber Knopf drücken. Ein Lichtchen blinkt bunt und da kommt auch schon eine der vielen Servicekräfte angelaufen. Zum Einstieg erstmal eine Maniküre, Pediküre und Fussmassage bestellen. 2 Minuten später nimmt ein Herr mit Köfferchen und Stehlicht zu deinem Fußende Platz und knetet, rubbelt und massiert solange du das Fernsehprogramm durchzappst. Knurrt dir nach den 2 Stunden der Magen schwingst du dich aus dem Sessel und gehst zur Bar, hier gibt es frische Früchte der Saison, Säfte, allerlei Kaffeesorten und Eiscreme kostenlos und soviel du willst. So läuft man mit Schüsseln bepackt zurück zum Sessel oder in den Kinosaal oder ins Internetcafé. Danach ein wenig Poolbilliard mit den anderen Businessleuten im Pyjama und froh sein, dass man sich hier nicht wie so mancher Hongkonger Manager zu entspannten Pyjamageschäftsgesprächen im gemütlichen Konferenzsaal trifft. Noch ein wenig Sport in der großen Poollandschaft oder Fitnessstudio und danach sucht man sich eine Masseuse am Computer aus für eine 2 Stunden dauernde Ganzkörpermassage. Ich bevorzuge dann doch lieber die kleinen Dinge, lasse die Restaurants außer acht, hol nochmal Eiscréme und gehe zurück zum Sessel für eine Kopfmassage. Leider schlummere ich dabei mal wieder weg, werde aber sanft geweckt als jemand die Decke erneut über meine Füsse legt und fragt ob ich nicht lieber in einer der Kapseln schlafen will. Mama? 
Das erinnert mich an meine Kindheit, ich spüre diese Wärme und Ruhe in mir und so lasse ich mich halb schlafend in dunkle Gemächer führen und als ich mich in meine Kapsel gekuschelt habe kann ich mir sicher sein, dass ich am nächsten Tag ganz sanft geweckt werde und Kaffee, Früchte und Eis für mich bereit stehen. Und wieviel kostet dieser Luxus? Einen Mindest"verzehr" von 10 Euro und dafür das Paradies für einen Tag. Oder länger wenn gewünscht.

Von Shenzhen sind Flüge günstiger als von Hong Kong und so flogen wir am nächsten Tag direkt in die nächste Großstadt - zur Hure des Orients - Shanghai. Diese nette Umschreibung ließen Erwartungen an eine selbstbestimmte, kreative und verruchte Stadt aufkommen. Leider wurde das Bild, welches unser 5 cm dicker Chinaführer erschuf, der Realität nicht gerecht. Vielleicht waren wir in den falschen Ecken, vielleicht in der falschen Stimmung, vielleicht ist nach Hong Kong Shanghai einfach nur ein billiger Abklatsch. Tatsächlich versucht China mit dem ehemaligen opiumvernebelten Shanghai ein eigen erschaffenes Gegenstück zu Hong Kong zu errichten. Doch auch wenn sich abends die Lichter der Skyline im Uferwasser des "Bund" spiegeln, so wirken die Neonlichter wie die 25 cent Filmkopie (wie...der kommt schon im Kino?) in den chinesischen DVD-Shops - wie billige Kopien minderer Qualität.

Aber die grelle Beleuchtung ist asiatischer Stil, der versucht sich selbst zu finden in Zeiten des schnellen Wandels. Am "Bund" stehen sich asiatische Neuzeit und westliche Kolonialzeit an den Ufern gegenüber. So kann man wählen welche Seite mehr Beachtung verdient. Wie in Beijing werden auch in Shanghai chinesische Viertel abgerissen um sie erneut mit mehr Komfort und weniger Charme zu errichten. Meine chinesische Freundin, welche uns ein Tag durch die Stadt führte, scheint die Ansicht der meisten Chinesen zu teilen: Neu ist chic und alt von gestern. Ich habe auf der Chinareise gelernt mit diesem manchmal traurigen Anblick umzugehen. Die Enttäuschung so mancher Touristen gründet sich in der Erwartung des alten Chinas. Doch bedeutet diese Enttäuschung nicht auch dass man China den neu erwirtschafteten Wohlstand nicht gönnt? Das ist wie wenn Afrika arm bleiben soll, damit wir das Bild von schwarzen Kindern mit großen Bäuchen vor Strohhütten zu sehen bekommen. Auch wenn China viel Kultur zerstört hat, haben wir an jedem Ort das alte China wiedergefunden. Trotzdem muss ich zugeben, dass so manche Neubauten einfach nur grässlich sind.

Letztendlich ist China einfach nur das Deutschland der 70er, welches eben zweckgebunden hässliche Siedlungen aus dem Boden stampft. Es versucht dem viel zu schnellem Wachstum Herr zu werden und tut sich dabei schwer den Grad zwischen Aufschwung, Geschichte und Moderne zu finden. Und selbst wenn es nicht nur zweckdienlich sondern stilvoll sein soll ist die chinesische Stadtplanung und Architektur oft nur eine einzige Geschmacksverirrung. Aber wenn wunderts? Nach über 50 Jahren kommunistisches System, dank Mao in Armut und Vereinheitlichung ohne Kenntnis über ihre eigene Kultur, Geschichte und den Rest der Welt, müssen sie ihren eigenen Stil erst finden. Dank Olympia importiert China mit den westlichen Touristen auch westliche Ansprüche. So hoffe ich, dass China hierdurch zumindest seine Kultur als Reichtum schätzen lernt. Massentourismus kann viel Kultur zerstören, doch bewahrt er an so manchen Orten die Geschichte vor der Wirtschaftlichkeit.

Ich möchte Euch unsere Route nicht groß vorstellen. Einen Eindruck von China können Euch die Bilder vermitteln. Erst wenn man sich in China befindet wird einem bewusst wie groß dieses Land ist. Leider war ich am Anfang unserer Reise durch ein Semester Hong Kong erschöpft und auch ein wenig kränklich. So dass wir nicht soviel gesehen haben wie gewollt. Noch dazu kamen die zwar günstigen Lebenskosten, aber überteuerte Eintrittsgelder für Dörfer, Museen und sogar Berge. Doch jeder Ort, welchen wir besucht haben, bot uns eine Überraschung und da China so unglaublich viele Orte hat wollen wir beide irgendwann mehr von diesem Land entdecken. 

Was Bilder nicht widerspiegeln ist die Stimmung. Wenn man im Westen über China redet, setzt es so manch Einer mit einem klassisch kommunistischen Staat gleich. Ein geducktes Leben, ohne Freiheiten, ohne Rechte auf individuelle Entwicklungsmöglichkeiten, einer Masse an schwarz-haarigen Menschen mit roten wedelnden Fahnen, eine Art DDR, welche auf die beschränkte Einfuhr von "Kartoffeln" aus dem Westen wartet. (Kann gut sein, dass sich die Sicht auf China dank Olympia verändert hat)

Seit Hong Kong beschäftige ich mich viel mit China, seiner Politik, seine Menschen, seiner Geschichte und seiner Zukunftsaussichten. Durch Gespräche mit Chinesen, Chinareisenden und westlichen Studenten. Durch die Möglichkeit in Hong Kong das Propagandafernsehprogramm anzuschauen und danach auf "Deutsche Welle" zu zappen, durch das Gegenüberstellen westlicher und chinesischer Zeitungsberichte, samt beidseitig manipulierter Bilder und durch meine Vorlesungen wurde ich ständig mit den verschiedenen Sichtweisen konfrontiert.

Wer nun glaubt ich denke, dass ich China kenne, dem muss ich sagen, dass ich daraus nur eine Erkenntnis gezogen habe: Mit jeder neuen Information musste ich feststellen, dass ich China nie begreifen werde. Es ist zu groß, zu vielfältig, zu schnell im Wandel. Das Land probiert sich selbst aus, zwischen Geschichte, Kommunismus & Kapitalismus. Mit der Erkenntnis, dass man dieses Land nie kennen kann, weiß ich aber mehr als so mancher Wessi, der sich einbildet aus seinem Chefsessel der Lokalredaktion ein festes Urteil als Kommentar für die Titelseite verbreiten zu können. Natürlich möchte ich das Vergehen gegen die Menschenrechte und sonstige politische Entscheidungen nicht beschönigen, doch für mich war dieses Land bisher das westlichste aller asiatischen Länder und somit ist es wiederum eine Enttäuschung vieler Reisender. 

Die Menschen sollte man nicht auf Grund der Politik ihres Landes verurteilen. Chinesen sind unglaublich gastfreundlich, offen und interessiert. Jemanden kennen zu lernen war je nach Region, wie bei uns auch, mehr oder weniger einfach. Doch in keinem anderen Land wurde es uns so leicht gemacht ein Gespräch mit Einheimischen zu führen. In Shanghai wurden wir von drei jungen chinesischen Touristen zu einer chinesischen Teezeremonie eingeladen und nach kurzem Small Talk erzählten sie uns viel von ihrer Geschichte, Sprache und alltäglichen Leben. In Tunxi wurde wir zum Jubiläumsfest des Hostels eingeladen, mit anschließender Tortenschlacht und eines der typischen chinesischen Trinkspielchen. Auf dem wunderschönen Huangshan versuchten wir, vor Kälte fröstelnd, höflich aus einem Gespräch mit einem interessierten Chinesen zu entfliehen. In Yangshou erwarteten uns viele Fragen eines Englischkurses, eine Einladung des Hostelpersonals zum gemeinsamen Abendessen und eine Einladung eines Neureichen zum Tee, welches 4 Kannen und 2 Stunden später sein Ende fand. Auch wenn so manc einer auch seine Englischkenntnisse aufbessern wollte, sind das die Momente an die man zurück denkt. Doch bleiben mir auch die interessierten Blicke derer in Erinnerung, welche nicht mit uns kommunizieren konnten und eben mit freundlichen Lächeln ein Witz über Simons Bart machten, von Weitem winkten und sich mit Zeichensprache um Kontakt bemühten. In China ist man als Tourist je nach Ort noch eine Sehenswürdigkeit und besonders der bartige Simon war ein begehrtes Fotomotiv. Das machte die Reise hier zu etwas besonderem.

Bedenklich finde ich den ausgeprägten Nationalstolz in China, doch nachdem die Diskussionen mit dem Westen abgeklungen waren fand man auf den Straßen genauso viele Chinesen mit "I love China" Shirts wie mit Deutschlandshirts. Sowieso werden in China mehr Deutschlandshirts getragen als an jedem deutschen Nichtspieltag während der EM. Sie tragen Fahne, lieben deutschen Fussball, schließen auf deutsche Teams Wetten ab und teilen Dir enttäuscht mit, dass sie ihr Geld wegen unserer Spieler verloren haben, sie lieben das Bier in 600ml Flaschen aus der Germania-Brauerei Tsingtao, (gegründet von deutschen Siedlern), sie entblößen ständig ihren Bierbauch und sogar Hitler können sie nach YinYang-Art zwei Seiten abgewinnen. Dies leider bis zur deplatzierten Verehrung, in Hong Kong konnte man ein geschnitztes Bild von Hitler neben Bin Laden, John Lennon und Mao finden. 

China ist für mich ein Land, über das man nicht unüberlegt urteilen sollte. Es ist voller Gegensätze und Überraschungen und bringt Dich mit jeder neuen Erfahrung zum Umdenken. Jeder Ort bot eine Überraschung für uns und diese Tatsache lädt ein, in das Land mit so vielen unentdeckten Orten, wiederzukommen. China ist auf jeden Fall eine Reise wert. Und soviel besser als Vietnam. Ich glaube dieses Land werde ich wiederum nie mögen und wir vermissten China bei der gesamten Vietnamreise bis an die Grenzen Kambodschas. 

Nun gut, nun lebe ich hier und ich werde im nächsten Blog von meinem Leben in Hanoi erzählen, welches wirklich...ähm - nennen wir es...interessant ist. Gerade aufgefallen, dass ich einen fast fertigen Text über Vietnam habe. Nun gut, der kommt dann auch irgendwann. Verdient hätte Kambodscha einen, aber von hier bekommt ihr nur Bilder zu sehen, dafür schon heute. In Kambodscha haben wir uns sehr wohlgefühlt. Es ist ein unglaubliches Land, mit einer unfassbar tragischen Geschichte, von der ich vorher so gar nichts wusste. Tatsächlich vergleichen die Khmer ihre Geschichte gerne mit der deutschen und betiteln sie als grausamer, was ich allerdings etwas obskur finde. Wie kann man Massenmord aufwiegen? Was nimmt man als Maß - die Zahl der Getöteten oder die Schmerzen und Widerlichkeit beim Sterben? Aber Kambodscha hatte auch eine wundervolle Kultur, zumindest das was von der Zerstörung der Roten Khmern übrig blieb. Wir dachten nach den vielen Tempeln in China und Vietnam möchten wir keinen einzigen mehr betreten. Aber in Angkor Wat konnte man sich nicht satt sehen. Da kommen die Pyramiden nicht ran. Vielleicht geht es euch mit den Bildern auch so. 

Grüße Euch alle in der Ferne, Iris

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