Stille. 5 Monate turbulentes Leben in der Residence Student Hall. Und dann zog ein Student nach dem Anderen aus. Zuerst die Chinesen und dann die Austauschstudenten. Am Anfang zogen die Tage an mir vorbei - nun sind es die Wochen, die Monate. Ein Rückblick:
Hier tauschen die Rollen der Locals, vom stillen Student zum quirrligen Lebemensch bis tief in die Nacht. Die erste Zeit hier war wirklich anstrengend, während ich in meinem 11 qm-2 Betten-Zimmer Erholung suchte, lebten meine lieben Mitstudenten in ihrer Freizeit richtig auf. Die leisen Stimmen erlebten dank Verstärker und Mikrofon in Karaokeveranstaltungen 10-fache Verstärkung, so dass sie problemlos bis zu meinem Zimmer auf der anderen Seite des Gebäudes drangen. Möglichkeiten für Karaoke gab es genug, ob in der Campuskirche, in einem mit Ledersesseln und Großbildschirm ausgerüsteten Karaokeraum im 1. Stock oder auf der Bühne des Hauptplatzes meiner Hall. Hier wird einfach immer gesungen - in der Bar direkt nach dem Ausüben von einem der weitverbreitenden Würfeltrinkspielen, an den romantischsten Plätzen Hongkongs, in gemieteten Karaokeräumen oder eben auf dem Campus. Nicht das sie es besser könnten als wir, aber hier hat die Lust am Singen über die Regel des Gesicht wahrens gesiegt - zum Bedauern meiner Ohren.
Wird nicht gesungen, wird eben geschrien, gelacht, gequiekt. Gequiekt? Ja, die Stimmen können hier cartoonfigur-ähnliche Formen annehmen, egal ob weiblich oder männlich. Wenn dann auch noch ein Junge-ärgert-Mädchen-Drama auf eine solche Stimme trifft wird man wieder mal akustischer Zeuge des pubertären Verhaltens 20-24-Jähriger. Tatsächlich bezweifle ich, dass dieses Verhalten durch Hormone verursacht wird. Viel eher ist es wohl die Kultur hier, die das Verhalten tuschelnder Teenager bis ins hohe endzwanziger Alter bewahrt und eingeschüchterte Jungs zockend vor den Computer oder ihres allgegenwärtigen PS2 treibt. Wenn sie dann nicht mehr verstohlen mit ihrem kleinen Spielcomputer spielen, tun sie es ständig mit ihrem Partner. Da wird an der Backe gezupft, am Haar gezogen, in die Rippen gekniffen, am Arm festgehalten, gekreischt, wieder gequiekt, gelacht und letztendlich ein Küsschen gegeben. Und so fühlte ich mich die ersten Tage wie im Kindergarten. Dieser wurde allerdings an der Uni, so muss ich lobenswerter Weise erwähnen (Vergleich Deutschland: Grund- und Hauptschule), auch untergebracht.
Doch da mir der Campus und somit auch meine Student Residence Hall durchaus Möglichkeiten zur Entspannung bieten, habe ich mich inzwischen sehr gut eingelebt. Benötige ich trotzdem Ruhe, so fahre ich mit dem Lift in den 19. Stock meines Wohnheims (dringend zu beachten ist hierbei, dass man beim Betreten des Lifts genauso wenig den Leuten in die Augen schaut wie bei der Fahrt selbst, wenn möglich dreht man sich in Ecken oder schaut in die Luft). Im 19. Stock befindet sich der Silence Room mit einer Menge Platz zum stillem Lernen. Hier verbrachte ich so manche Nacht malend. Manchmal neben, auf aufgeklappten Büchern, schlafenden Chinesen. Bis die ersten Schreie der Vögel und der frühsportelnden Schattenboxer meine Aufmerksamkeit vom perfekten Strich auf den perfekten Ausblick richteten. Denn hier gaben die ersten Sonnenstrahlen die Stadtkulisse Hongkongs frei, von Kowloon Tong bis zum Peak morgendliches, goldschimmerndes Erwachen.
Der Ausblick der Dachterrasse dieses Stockwerks (siehe aktuelle Bilder und Bild in Beijing und Dalian) diente mir aber nicht nur als Entschädigung für fehlenden Schlaf. Nachts war sie, ist man ständige Kamerabeobachtung inzwischen gewöhnt, einer der hier so raren, einsamen Rückzugsorte, deren Sicht über die nächtlichen Lichter der Stadt mich in meinem Aufenthalt bestärkten, mir besonders in der Anfangszeit so manche Träne positiv stimmten und den Gedanken über das Hier und Jetzt an Schwere nahmen.
An Schwere nehmen sollte mir auch der wirklich gut ausgerüstete Fitnessraum meines Wohnheims. Doch meine motivierten vier Besuche im Monat konnten der fleischmassenverzehrenden Gesellschaft Hongkongs (Gemüse ist hier Luxus), der hinterhältig aufgestellten Süßigkeitenautomaten im Wohnheim, meiner großen Neugier an fremden Kaubares und dem schnellen Gang zur Kantine im Erdgeschoss nichts anhaben. Dabei habe ich mich anfangs so gefreut, dass hier sowohl dieser verspiegelte Fitnessraum, als auch ein Hallenbad, ein großes Freibad, Squashcourts, ein kostenloses Fitnessstudio, 2 riesige Parks samt massig Fußball-, Tennis- und Basketballplätzen, einer Joggingstrecke entweder auf dem Campus oder in direkter Nähe sind.
Mit dem Gymnastikraum sind wir auch schon im ersten Stock meines Wohnheims angekommen. Hier ist der lebhafteste Stockwerk der Hall, dieser verbindet den South- mit dem Northtower. Verlässt man den Lift wird man schon von Klavierklängen der ständig übenden Studenten empfangen. Man zieht vorbei am Common Room, stets benutzt für Gruppentreffen und Lernstunden, man ignoriert den verlockenden Süßigkeitenshop und sämtliche Automaten die wie Hindernisse im Weg stehen. Doch entlang des Weges befinden sich zwei Filmräume, mit großen Ledersofas und großem Bildschirm, zwei gut besuchte Waschräume, ein großer Veranstaltungssaal, der erwähnte Karaokeraum, ein Tischtennis- und der Fitnessraum, so dass man den Lockrufen der Automaten spätestens am Waschtag nicht umgehen kann.
Ich wohne im Southtower. 4. Stock - International floor. Hier leben die meisten Exchangestudenten, so heißt es. Dieses Glück wird belohnt indem die Kulturen aufeinandertreffen. Mit lauten, nächtlichen Pokerabenden in unserem Aufenthaltsraum und einer international verdreckten Küche.... Naja, kommen wir zu meinem Zimmer.
S417R. 5 Monate 16 qm - zwei Betten, zwei Schreibtische + Stuhl, zwei Kleiderschränke und ein Kühlschrank und zwei Bewohner und alle zwei Monate Pestkontrolle. Die Betten sind so hart, dass du gedankenlos deine Kaffeetasse auf der Matratze abstellen kannst und quitschvergnügt daneben hüpfen kannst, ohne dass ein Tropfen verschüttet wird. Doch der Ausblick auf das Feuerwehrgelände und die somit ständige Ablenkung beim Lernen, wenn die Herren halbnackt ihre Muskeln stählern (den Damen möchte ich diesen Anblick natürlich nicht vorenthalten- siehe Fotos) und abends auf die Lichter der Stadt entschädigen für die unbequeme Nacht.
Wir teilen uns ein Bad mit zwei anderen chinesischen "Bathmates", ein Klo, eine Dusche, zwei Waschbecken, einmal die Woche eine Putzfrau und trotzdem viiieele schwarze Haare (hab mich tatsächlich dran gewöhnt).
Wie ihr euch denken könnt bringt dieses beengte Zusammenleben, vor allem wenn die Kulturen so unterschiedlich sind, einiges an Konfrontationen mit sich. Verschiedene Schlafzeiten, andere Werte, andere Toleranzschwellen, die einen stehlen, sie reden zu viel, sie schmatzen chinesisch, sie torkeln nachts rumpelnd ins Zimmer, sie haben einfach noch nie geredet, manchmal verändert sich das Verhältnis einfach so, auf Grund der Situation, auf Grund persönlicher Probleme, auf Grund von Launen und Unausgesprochenen. Einfach nur weil verschiedene, sich fremde Persönlichkeiten 5 Monate aufeinander sitzen, ohne Privatsphäre, ohne Intimsphäre, mit Ohrstöpseln und nur selten alleine, in einer Stadt in der man genau das benötigt.
Und in S417? Da die Mitbewohnerin auf die Qualität des Semester größten Einfluss hat, ist sie mein größtes Glück: meine chinesische Roommate. Von Anfang an kam sie mir nicht fremd vor, sie schaute regelmässig "Friends" wie ich es aus meiner alten WG kannte und ihre Art war ähnlich meiner Schwester. Wir hatten bisher noch keinen einzigen Streit, keine komische Situation, ich hatte keinen Moment, indem sie mich nervte, keinen indem ich alleine von ihr sein wollte, keinen indem ich mich unwohl fühlte, keinen indem wir uns in die Quere kamen, kein Putzplan, kein Streit, keine Diskussion. Unser Verhältnis war von Anfang an natürlich, kein Zwang Freunde zu werden, kein Zwang zu reden, nicht verkrampft, nicht aufgesetzt, kein Zwang still zu sein. Einfach nur angemessen der jeweiligen Situation. Wir müssen nicht miteinander Freunde werden, sondern zusammenwohnen und somit unsere Eigenheiten akzeptieren.
Sie schmunzelt nach wie vor wenn ich, wie immer wenn ich den Raum verlasse, 2 Minuten später klopfend um Einlass bete um meine vergessene Türkarte zu holen, sie hilft mir lachend, wenn mein Handy samt Alarmfunktion auf Snooze eine halbe Stunde im Spalt zwischen Bett und Wand klingelt und selbst ihre zierlichen Arme das Handy nicht erreichen kann und sie findet es nicht problematisch, wenn ich ihr den Weg ins Badezimmer versperre, indem meine Beine, verstochen von den Mosktios, wie jede Nacht 30 cm zu weit aus dem Bett hängen.
Als noch 10 Tage übrig waren, fand ich es schade dass sie vor mir auszieht und Zeit Freunde zu werden. Nach wie vor finde ich das Einschätzen meiner chinesischen Mitmenschen schwierig und wusste nicht wie sie dazu steht, aber so muss man sich eben auf sein Gefühl verlassen. Unser Abschiedsessen war herzlich und unverkrampft und unser Wiedersehen bei ihrem Auslandssemester auf deutschem Boden ist dieses Jahr schon geplant. Die Chancen sie wiederzusehen stehen somit um einiges besser, als bei all den internationalen Studenten, die ihr Leben nicht in Deutschland planen und verbringen werden. Es ist ein seltsames Gefühl nicht einfach "Bis dann" sagen zu können, sondern ein "Lebe wohl" und "Danke für die schöne Zeit". Wie Offenburg, ist das Wohnheim nur noch eine Hülle wenn die Personen fort gehen, mit denen das Leben dort begann. Soviele internationale Klischees durchbrochen, Toleranz geübt, Individien erkannt. Doch wie in Offenburg gibt es nun auch in China Personen, welche meine Verbindung zu diesem Ort aktuell halten können und in meiner Erinnerung füllt sich alles wieder mit Leben wenn ich durch die leere Hall wandere.
An das Abschied nehmen gewöhne ich mich langsam. Von Euch zu meiner Freude aber nur bis zum nächsten Mal.
Bis dahin eine schöne Zeit, Iris
- Praktisches Campusleben
- Theoretisches Campusleben
- Hongkong ist nicht China -Auf nach Beijing Teil II
- Hongkong ist nicht China - auf nach Beijing Teil I
- Philippinen: "Same Same" - aber in deutsch



Jaja, über Hongkong werde ich noch was reinstellen. Diese Stadt hat Werbung auf jeden Fall verdient und ich möchte Euch kleine Eindrücke vom Leben in dieser Stadt nicht vorenthalten. Hänge auf Grund meiner deutschprachlichen Verluste etwas hintendran, aber wird schon wieder. Schpäädeschtens daheum. ;o)
Und wenn ihr mal eine Reise nach Hongkong plant, kann ich Euch mit Empfehlungen nur so überschütten.
Grüße aus Yangshou, Iris